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Posts Tagged ‘Caroline Susemihl’

Die geheimnisvolle Insel Teil 6

Posted by Wortman - 9. Juli 2020

3
Freund oder Feind

Das fahle Licht der Talgkerze erleuchtete den Raum nur minimal. Kat hatte sich auf den Boden gehockt und schaute nach unten.
„Ich traue niemanden, der so selbstlos hilft“, sagte John.
Er war von Natur aus sehr vorsichtig, was Fremde anging.
„Würde ich auch nicht“, antwortete Morris.
„Also, was steckt dahinter?“
„Ich bin auch kein Freund der englischen Krone und deren Handlanger. Da hilft man gerne, wenn es möglich ist.“
John schaute Morris mit misstrauischem Blick an.
„Das stellt mich nicht zufrieden. Verräter versuchen gerne, sich so Vertrauen zu erschleichen!“
Im gleichen Moment spürte der Leftenant eine Klinge an seiner Kehle. Der alte Mann hatte es unter seiner Jacke hervorgezogen und sein Blick verriet Morris, dass der Alte es ernst meinte.
„Es ist still draußen“, warf Kat ein. „ Die Soldaten scheinen weg zu sein.“
Sie hoffte damit, die Situation etwas zu entschärfen.
„Lass gut sein, Alter“, sagte John zu Halpin. „Wir gehen!“
Dann schaute er zum Leftenant.
„Da ich das Gefühl habe, wir sehen uns wieder, lasse ich dir für heute dein Leben.“
John öffnete die Luke. Als Kat hinausgehen wollte, schaute sie direkt in Morris Gesicht.
Sie sah, wie Morris die Stirn runzelte. Er sagte aber nichts. Schnell schaute sie weg und ging hinaus.
„Der Bursche sieht ziemlich jung aus“, sagte der Leftenant zu John. „Ist das der Sohn vom Kapitän?“
„Den habe ich vor Kurzem aufgegabelt. Macht seinen Job als Decksjunge recht gut.“
Der Leftenant hatte ein komisches Gefühl. Irgendetwas stimmte da nicht.
Kaum hatte John den Kopf aus der Luke gesteckt, als er die Rufe der Soldaten hörte.
„Hier sind sie nicht, eine Sackgasse!“
„Los zurück, seht genau nach! In jedem verdammten Kellerloch.“
John hastete die Treppe wieder hinunter, stieß Kat um, die hinter ihm stand. Sie stürzte. Morris konnte sie gerade noch auffangen. Ihre Körper berührten sich für einen Moment, bevor er sie sicher abstellte. Der Bengel ist leicht wie eine Feder, dachte er, und hat Hüften und einen Busen. Also doch. Hat mich mein Instinkt nicht getrogen. John verschloss die Luke.
„Mist!“, fluchte John, „wie müssen endlich hier raus!“
Morris grinste.
„Vielleicht vertraut ihr mir noch ein Weilchen länger“, er machte einen einladende Handbewegung, „ich kann euch hier herausbringen.“
John und Halpin sahen sich an. Der Alte zückte sein Messer.
„Wenn du uns in die Irre führst bist du ein toter Mann!“
„Verstehe schon“, sagte Morris und zuckte mit den Schultern.
„Hier entlang.“
Morris nahm die Kerze und öffnete eine niedrige Tür zu einem Durchgang. Die drei Flüchtigen folgten ihm. Die ersten dreihundert Meter mussten sie gebückt gehen. Die Wände waren aus roh behauenem Stein. Eine modrige Feuchtigkeit schwängerte die Luft. Unerwartet verbreiterte und erhöhte sich der Gang. Er war mit Mauerwerk verstärkt.
„Wo sind wir?“, fragte John misstrauisch.
„Wenn wir weitergehen befinden wir uns unter der Garnison“, sagte Morris seelenruhig.
Schon spürte er das Messer von Halpin in der Seite.
„Was soll das werden“, knurrte John.
„Denk nach!“, erwiderte Morris scharf, „sie wissen, dass du der gesuchte bist. Rate wo die meisten Soldaten heute Nacht sind? In der Stadt. Hier wird uns niemand vermuten. Lass mich nur machen, ich bringe euch heil heraus.“
Die Männer maßen sich mit verkniffenem Blick. Dann nickte John und sie gingen weiter. Nach einer weiteren Strecke versperrte ein Eisengitter den Weg. John öffnet das Schloss mit einem kleinen Haken. Dahinter erweiterte sich, nach einem weiteren Gang, ein gigantischer Kellerraum mit einem gotischen Deckengewölbe. Der Raum war mit unzähligen Fässern gefüllt. „Da hat sich der Befehlshaber aber ein schönes Weinlager angelegt“, murmelte Halpin.
„Das glaube ich weniger“, antwortete John. Das sieht mir nicht wirklich wie ein Weinlager aus. Eher wie ein Lager für persönliche Notfälle.“
„Wie kommst du da drauf?“, fragte Morris.
„Wie an Bord, sollte es sortiert sein, damit man alles schneller findet. Hier steht viel durcheinander“, stellte Halpin fest.
„Glaubst du, den Wein stört es, wenn er kreuz und quer steht“, konterte Morris.
„Das sind nicht nur Weinfässer. Da hinten steht eine Menge aufrecht. Wein wird nicht stehend gelagert. Da ist etwas anderes drin.“

© Caroline Susemihl / T.R. aka Wortman

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Die geheimnisvolle Insel Teil 5

Posted by Wortman - 5. Juli 2020

Nachdem Morris in einer der Kaschemmen ein Zimmer gefunden hatte, verstaute er seine Tasche unter dem Bett. Darin war unter anderem auch seine Uniform. Es könnte immer sein, dass er sie brauchen würde. Von der Kleidung her sah er aus wie ein Hafenarbeiter. Das sollte ausreichen um relativ unbemerkt im Hafenviertel nach Informationen zu suchen. Vielleicht fand er sogar diese Kat hier. Das wäre ein Volltreffer und er müsste sich nicht mehr mit diesem Snob herumärgern.
Morris machte sich auf den Weg. Ein geschäftiges Treiben erwartete ihn als er aus der Kaschemme auf die Straße trat. Arbeiter rollten Fässer zu einem Lagerhaus, Andere schleppten Säcke. Es war ein hartes Leben in solch einem Hafen. Kleinere Handelsschiffe konnten an der Pier anlegen. Größere Schiffe, auch englische Kriegsschiffe, ankerten weiter draußen. Von und zu den Schiffen mussten Ladungen mühselig hin und her gerudert werden. Ein Knochenjob, den man vielen Arbeitern auch ansah.
Der Leftenant zeigte das kleine Foto, was ihm dieser Mistkerl Weston überlassen hatte, herum.
„Ich suche meine Schwester. Kennst du sie vielleicht?“, war seine Standardfrage, die bis zu diesem Abend noch keinen Erfolg erbracht hatte.
Umso mehr beglückwünschte er sich zu dem Zufall, der ihn in diese Spelunke gespült hatte. Der Bengel, den der Offizier unter dem Tisch hervor zog, weckte sein Misstrauen und auch der Seemann, der sich dem alten Halpin anschloss schien etwas zu verbergen. Morris hatte schon öfter verdeckt gearbeitet. Seine Instinkte trogen ihn selten.
Als die drei Männer die Tür erreichten folgte ihnen Morris unauffällig. Er hatte das Getuschel des Soldaten mit seinem Vorgesetzten ebenfalls bemerkt.
Morris sah die drei gerade um die Ecke in die nächste Gasse einbiegen. Die Soldaten stürzten aus der Kneipe, schubsten ihn zur Seite und rannten unter lauten Anrufungen hinter den Flüchtigen her.
Morris kannte das Hafenviertel, wie seine Westentasche und nahm eine Abkürzung. Er eilte durch einen Hausflur, durch die Hintertür hinaus, über einen stinkenden Hinterhof, durch ein weiteres Haus, drückte sich durch einen Spalt zwischen zwei Häusern, und kam direkt vor den drei Männern auf die Gasse.
„Los hier herein“, rief er ihnen zu und winkte.
John zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, aber die Verfolger waren dicht auf und es gab keine andere Chance, als dem Fremden zu vertrauen.
„Kommt“, keuchte er.
John folgte dem Mann in ein Haus. Halpin und Kat gehorchten. Erschöpft stolperten sie eine Treppe hinunter, von dort durch mehrere Keller. Hinter ihnen donnerten die Schritte der Soldaten.
„Wohin jetzt“, rief John dem Führer nach.
„Hier!“
Er hielt eine Klappe hoch. John erkannte die ersten Stufen einer abgetretenen Steintreppe. Er hatte ein mulmiges Gefühl.
„Los, oder sie kriegen euch“, sagte der Mann.
John gab sich einen Ruck und stieg in die Finsternis hinunter. Kat und Halpin schlossen sich an. Zum Schluss folgte Morris, der die Falltür mit einem eisernen Riegel über ihnen verschloss. Gerade noch rechtzeitig. Die vier hörten, wie die harten Stiefelschritte der Soldaten über sie hinweg donnerten.
„Nun, dann wollen wir uns ein wenig Licht machen“, sagte Morris und entzündete eine Kerze.

© Caroline Susemihl / T.R. aka Wortman

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Die geheimnisvolle Insel Teil 4

Posted by Wortman - 3. Juli 2020

2
Hafen, Porto Verde zwei Tage zuvor

Die Schaluppe wurde am Kai festgemacht und der Steg ausgelegt.
„Leftenant Morris, glauben sie wirklich, das wir hier richtig sind?“
Der Angesprochene wandte sich um. Sein Gegenüber war ein dicker Kaufmann namens Weston.
„Mister Weston, der Informant sagte, er hätte die gesuchte Person hier im Hafen gesehen. Sie scheint Interesse an einem Schiff gehabt zu haben. Bei dem Geld was sie als Belohnung ausgesetzt haben, sind Zungen schnell beim reden.“
Morris war es zuwider, diesem Mistkerl von Weston zu helfen. Er hatte ein Kopfgeld auf seine Braut ausgesetzt, weil sie geflüchtet war. Morris hatte durchaus Verständnis für das Mädchen. Der alte Weston war ein mehr als unangenehmer Zeitgenosse. Sein Reichtum machte ihn zu einem Snob, der über Leichen ging, wenn es sein musste. Die Beziehungen des Kaufmanns und das viele Geld hatten die ein oder andere Hand freundlich gestimmt und so kam es, dass Morris von seinem Vorgesetzten verpflichtet wurde, ihm zu helfen.
„Wie wollen sie vorgehen, Mister Morris“, fragte Weston ungeduldig.
„Zuerst suchen wir uns eine Unterkunft und danach werde ich mich erst einmal im Hafen umsehen“, antwortete der Leftenant.
„Wo sie absteigen interessiert mich herzlich wenig“, knurrte der fette Weston und warf sich in die Brust, „ich nehme Quartier bei Gouverneur Stapelton. Einer meiner engen Freunde. Er erwartet mich schon.“
Und den du genauso gekauft hast, wie die anderen Dummköpfe, lag es Henry Morris auf der Zunge, aber er verkniff sich den sarkastischen Ausbruch. Im Grunde war er froh, den dicken Nabob los zu sein. Er arbeitete lieber allein und unauffällig.
Ungeduldig sah sich der Kaufmann um und schrie:
„Kutscher“, er winkte eine Droschke mit wilden Handbewegungen heran. „Zur Garnison“, keifte er.
Der Kutscher nickte beiläufig. Als sich der alte Weston endlich in den Wagen gehievt hatte und in die Kissen sank, schnalzte der Mann mit der Zunge und ließ die beiden Pferde in einen leichten Trab fallen.
Henry atmete erleichtert auf. Er beneidete Andrew Stapelton nicht, andererseits empfand er auch kein Mitleid. Wenn sich sein Schwager von dem Gauner schmieren ließ, musste er sehen, wie er zurecht kam.

© Caroline Susemihl / T.R. aka Wortman

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Die geheimnisvolle Insel Teil 3

Posted by Wortman - 1. Juli 2020

Johns Gedanken wirbelten durcheinander. Er hatte schon viel gesehen aber so etwas noch nicht.
„Sag mir, was ist das oder was macht es?“
„Das ist der Tod!“, antworte der alte Mann. „Es krabbelt in dich hinein und dann verwandelt es dich in eine seelenlose Kreatur ohne Gehirn.“
Seelenlose Kreatur. Der Gedanke gefiel John. Der Schwarze Herzog als Opfer seiner selbst. Das dürfte dem Captain sicherlich auch gefallen.
„Erzähl weiter Alter. Ich höre dir zu.“
Kat war etwas vom Tisch abgerückt. Sie fürchtete, da könnte noch etwas auf dem Tisch sein.
Während der Seemann John seine Geschichte erzählte, wurde Kat von lauten Stimmen abgelenkt, die durch die Tür ins Innere der Spelunke drangen.
„Ausschwärmen!“, hörte sie den Befehl, „und schaut euch die Leute genau an!“
Eine Sekunde später wurde die Kneipentür aufgestoßen und drei Marinesoldaten betraten den Schankraum. Zwei Männer niederen Rangs und ein Offizier. Kat glitt geschmeidig von ihrem Stuhl und krabbelte unter den Tisch. Unheilvolle Stille trat ein.
„Wir suchen einen Deserteur, John DeMoor, kennt ihn jemand oder weiß wo er sich aufhält?“
Kat war einerseits erleichtert, weil sie befürchtete, die gesuchte Person zu sein, andererseits schlug ihr Herz bis zum Hals. Normalerweise verriet kein Pirat einen anderen, doch man konnte nie wissen, wenn das Kopfgeld hoch genug war, wurde so manche arme Schlucker schwach.
„Wer uns einen Hinweis zur Ergreifung des Fahnenflüchtigen gibt, kann mit einer Belohnung von 20 Golddublonen rechnen!“, verkündete der Offizier.
Ein Raunen ging durch die Kneipe.
Einige Männer riefen den Soldaten Beleidigungen zu. John schaute sich vorsichtig um. Ein paar der Männer kannten ihn. Zu ihnen hielt er Blickkontakt.
Der Offizier schaute sich die Männer an und hielt in einer Hand einen Steckbrief. Plötzlich zog er seine Pistole und zielte genau auf Johns Tisch. Einige Männer sprangen von den Tischen auf.
„Hey, komm unter dem Tisch hervor. Ich will dein Gesicht sehen!“
Kat blickte verstört zu John.
„Wird`s bald? Oder muss ich dich wie einen Köter einfach erschießen?“
Kat krabbelte unter dem Tisch hervor. Der Offizier und einer der Soldaten kamen auf sie zu. Der Offizier griff ihren Arm und musterte sie genau. Ihr Herz schlug wild.
„Milchbubis, die sich unter Tischen verstecken gehören nicht in solche Spelunken! Kennst du den Mann?“. Mit den Worten hielt er Kat den Steckbrief entgegen. Auf dem Blatt war ein Mann ohne Bart abgebildet.
„Nein!“, sagte sie.
Der Soldat taxierte John mit seinem Blick.
Kat zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.
„Nee, so feine Pinkel treiben sich nicht an Orten wie diesen herum.“
Der Offizier beugte sich zu ihr herunter und blickte ihr direkt ins Gesicht.
„Wie alt bist du, Bengel? Du hast ja nicht mal einen Bart.“
„Sechzehn“, erwiderte Kat trotzig, „besser auf einem Schiff arbeiten, als im Waisenhaus verhungern.“
„Du bist ziemlich frech“, der Offizier zerrte Kat hinter sich her, „wir nehmen den Bengel mit.“
John, der bis dahin abgewartet hatte, bewegte sich. Kat sah, dass seine Hand an den Knauf seines Degens griff. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Halt“, ertönte eine krächzende Stimme, „der Junge gehört zu mir.“
Der alte Seemann sah den Offizier herausfordernd an.
„Zu dir, Halpin?! Dass ich nicht lache!“ Der Soldat ließ ein unangenehmes Gelächter hören. „Wann willst du den gezeugt haben?“
Der Alte ließ sich nicht provozieren.
„Der Sohn meiner Nichte“, log er seelenruhig, „sie hat ihn geschickt, um mich heil nach Hause zu bringen.“
Der Offizier wollte seinem Zweifel Ausdruck geben, aber als er dem Alten in die Augen blickte, vergaß er, was er hatte sagen wollen.
„Dann los Junge, bring den alten Halpin nach Hause.“
Halpin und John erhoben sich und gingen in Richtung Tür. Einer der Soldaten fixierte John immer noch. Er wurde das Gefühl nicht los, die Strecke bis zur Tür könnte sehr lang werden. Als sie die Tür erreichten ging der Soldat zum Offizier und schien ihm etwas mitzuteilen. Halpin öffnete die Tür und alle drei standen auf der dunklen Gasse.
„Hier entlang“, sagte John und deutete nach rechts.
Gerade als sie um die Hausecke bogen, hören sie ein „Halt! Stehen bleiben!“
„Los rennt“, rief John.

© Caroline Susemihl / T.R. aka Wortman

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